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Ich hätte hier ein kleines Filmquiz (nicht besonders schwierig). In welchem Film sagt eine der Hauptfiguren folgenden Satz:

„Wissenschaftler konzentrieren sich nur darauf, ob sie etwas tun können, und stellen sich nie die Frage, ob sie es tun sollten.“

Wer nicht drauf gekommen ist: Das war Jeff Goldblum als Dr. Ian Malcom in Jurassic Park. 

Diese philosophische These wird häufig angeführt – und mit dem Aufkommen künstlicher Intelligenz (KI) fletschen die Verfechter dieser These ebenso die Zähne wie die Animatronic-Dinos des Filmklassikers. Denn im Fall von KI geht es um eine Technologie mit kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen.

Es wird viel über die Arbeitswelt von morgen diskutiert – und darüber, was die Entwicklungen für den Datenschutz, für unser Gerechtigkeitsempfinden oder auch gleich für die ganze Menschheit bedeuten. Daher kreisen Vertreter von Regulierungsbehörden schon wie Flugsaurier*, um der KI eine Art ethisches Rahmenwerk überzustülpen. Die Europäische Union steht dabei an der Spitze der Nahrungskette.

Einige der bisher überzeugendsten Aussagen zu dem Thema nennt die von der EU-Kommission eingesetzte „Hochrangige Expertengruppe für Künstliche Intelligenz“ in ihrem Entwurf der Ethik-Leitlinien für eine vertrauenswürdige KI.

In den Leitlinien werden sieben Kernanforderungen aufgeführt, die KI-Systeme nach Meinung der Gruppe erfüllen sollten, um vertrauenswürdig zu sein: 
•    Vorrang menschlichen Handelns und menschlicher Aufsicht 
•    Technische Robustheit und Sicherheit, z. B. Widerstandsfähigkeit gegen Angriffe und Sicherheitsverletzungen
•    Schutz der Privatsphäre und Datenqualitätsmanagement, z. B. Datenzugriff 
•    Transparenz, z. B. Nachverfolgbarkeit, Erklärbarkeit und Kommunikation 
•    Vielfalt, Nichtdiskriminierung und Fairness
•    Gesellschaftliches und ökologisches Wohlergehen, z. B. Nachhaltigkeit, Gesellschaft und Demokratie 
•    Rechenschaftspflicht, z. B. Nachprüfbarkeit und Minimierung von negativen Auswirkungen

Auf den ersten Blick ist diese Liste mit gesundem Menschenverstand vollkommen nachvollziehbar, wobei man durchaus jedem einzelnen Punkt eine ganze Blogreihe widmen könnte. In diesem Beitrag beschäftigen wir uns allerdings mit der Tatsache, dass es diese Liste und den Bericht, in dem sie enthalten ist, überhaupt gibt.

Das ist durchaus bemerkenswert und keinesfalls selbstverständlich, denn es ist ein Beispiel dafür, wie eine politische Organisation zu einer bestimmten Technologie Stellung bezieht. Zudem wird das von Dr. Malcolm angesprochene Problem eingehend und umfassend beleuchtet.

Zum Thema „Vorrang menschlichen Handelns und menschlicher Aufsicht“ gibt es Unmengen von Artikeln und Abhandlungen, da auf diese Weise der tief sitzenden Angst, dass die Maschinen die Kontrolle übernehmen könnten, auf formelle und beruhigende Weise begegnet werden kann. In den Massenmedien liegt der Schwerpunkt der KI-Debatte genau dort. 

Im Prinzip sagt die Hochrangige Expertengruppe der EU, dass diese garstigen Algorithmen nicht über unser Leben bestimmen dürfen, solange wir nicht wissen, was sie im Schilde führen. Wir wollen ja nicht wie anonyme Statisten enden wie in diesem anderen philosophischen Kultfilm Matrix.

Die anderen ethischen Fragen sind ebenso kritisch – vielleicht sogar noch kritischer, da sie konkretere und dringlichere Probleme aufwerfen, die diskutiert werden müssen. 

Fühlen wir uns wohl damit, dass Richter Vorschläge für Urteilsentscheidungen von Bots erhalten? Möchten Sie riskieren, dass Ihr Lebenslauf von einem digitalen HR-System abgelehnt wird, noch bevor sich ein Mensch Ihr sorgsam erstelltes Werk angesehen hat? Und sind Sie davon überzeugt, dass digitale Wahlen wirklich nicht manipuliert werden können?

Diese Fragen werden auch in dem Bericht der EU angesprochen, denn die Europäische Kommission sagt deutlich, dass Unternehmen und Privatpersonen von den Vorteilen von KI profitieren sollen. Das Rahmenwerk, das sie durchsetzen möchte, soll KI für uns alle sicherer machen.

Doch bei der Einführung von KI, robotergesteuerter Prozessautomatisierung oder ähnlichen Technologien – auch das Internet of Things spielt hier natürlich einen virtuelle Rolle – steht die Frage nach der Technologie selbst gar nicht an erster Stelle. Viel wichtiger ist die Frage nach den Daten, auf denen diese System basieren.

Auch hier gilt das alte Computer-Sprichwort: Müll rein, Müll raus. Und wenn der Bot einen Gabelstapler oder eine Chemikalienpumpe steuert, ist „Müll raus“ definitiv keine Option.

Es ist nicht weiter überraschend, dass die Investitionen in Modernisierungen von Rechenzentren, Analytik und neue, organischere Cybersicherheits-Ansätze zunehmen, während sich unsere Kunden für die KI-Revolution rüsten. Sie wissen, dass eine sinnvolle Nutzung der Datenströme von Mobilgeräten, IoT-Sensoren und zahllosen anderen verbundenen Systemen entscheidend für den sicheren und effektiven Einsatz von KI ist.

Im Großen und Ganzen sind die Risiken, die Jeff Goldblums Figur befürchtete, eine ganz andere Hausnummer als die Unannehmlichkeiten, die wir KI und Automatisierung bisher zu verdanken haben, wie hin und wieder ein falsch gesetztes Dezimalkomma oder ein blockierter Belegleser.

Nichtsdestotrotz ist die anhaltende Diskussion der ethischen Aspekte dieser Technologie wichtig und wir sollten froh darüber sein, dass Institutionen wie die EU Interesse daran zeigen. Es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass unsere Branche von der Gesellschaft, die letztendlich davon profitiert, anerkannt wird. Wir stellen nicht nur einfach eine neue Technologie bereit, diese Technologie wird unser Leben verändern, unsere Werte und Prinzipien beeinflussen und die Gräben in unserer Gesellschaft schließen. 

Vielleicht stellen wir schon bald fest, dass diese Entwicklung uns sogar noch menschlicher macht, als wir es bisher waren. 
*Wir sollten natürlich nicht einfach davon ausgehen, dass Flugsaurier tatsächlich gekreist sind. Dr. Malcolm würde uns das sehr übel nehmen.

Stuart Constable - Author

Stuart Constable